Zuhšren ist nicht einfach, manchmal muss man weit reisen, um es zu lernen.

 

FrŸher war die Reiseliteratur ein bekannter Zweig der jŸdischen Literatur. Die frŸheren Reisen fŸhrten šfters ins Heilige Land und die Berichte erzŠhlten vom Leben der Juden im Heiligen Land und auch vom Glauben der Juden in der ganzen Welt.

 

Benjamin von Tudela und Petachja von Regensburg gehšrten zu den ãgrossen ReisendenÒ des Mittelalters. Auf eindrucksvolle Weise geben sie Nachricht vom Wohlbefinden ihrer Ÿberall in der Welt lebenden jŸdischen GlaubensbrŸder. Dies zu tun gehšrte wahrscheinlich zu ihrem Reiseauftrag. Aber als weltoffene und vielseitig interessierte MŠnner teilen sie darŸber hinaus mit, was sie Bemerkenswertes erlebt, gesehen oder ãvon glaubwŸrdigen LeutenÒ gehšrt haben. Vor allem Benjamins Bericht kennzeichnet eine aus der Verbindung von persšnlich Erlebtem und Gehšrtem gespeiste Vielfalt der Thematik des jŸdischen Lebens.Ò (Benjamin von Tudela und Petachja vom Regensburg: JŸdische Reisen im Mittelalter).

 

Das war alles vor der Zeit der heutigen Medien und des Internets. Heute kšnnen zu jedem Moment und ohne Probleme aktuelle Bilder der Klagemauer online angeschaut werden. Unsere jŸdische Gemeinschaft, die in der ganzen Welt verstreut ist - die Golah - zeigt grosse Unterschiede im Verhalten und in den Sitten des Judentums. Mein Interesse ist es, diese Unterschiedlichkeiten aufzuspŸren und fŸr unsere Gemeinschaft Lehren daraus zu ziehen.

 

Ehrlich gesagt interessieren mich die SehenswŸrdigkeiten der ganzen Welt Ÿberhaupt nicht. Die Bilder, die ich unterwegs mache sind eigentlich nur fŸr meine Freunde bestimmt. Der Zweck solcher Bilder wird von meinen Freunden oft absichtlich missverstanden und sie fragen mich dann, wann Ÿberhaupt ich noch arbeite!

 

Am besten arbeite ich unterwegs - speichere Informationen und sende ãMessagesÒ. Die Ziele meiner Reisen sind stets jŸdische Objekte, die ich nie grundlos auswŠhle. Die jŸdische Gemeinde in MŸnchen wird jetzt von Rabbiner Levinger aus Basel gefŸhrt. Uns verbindet eine etwa dreissigjŠhrige Bekanntschaft, ich kšnnte es auch eine Freundschaft nennen. Wir haben uns immer in jedem Augenblick und bei jeder Begegnung sehr gut verstŠndigen kšnnen. Unsere Ziele sind dieselben, nŠmlich die jŸdische Gemeinschaft zur Religion zurŸck zu bringen und die jŸdischen Lehren zu vermitteln. Bei der Verfolgung unserer Ziele schonen wir unsere Person selbst nicht.

 

Rabbiner Levinger ist ein streng orthodoxer Rabbiner und wenn ich ein Jeshiwa Bocher wŠre – kein Absolvent des berŸhmten Budapester Rabbinerseminars – so wŠren wir sicherlich enge Freunde geworden. Meine hšchste Anerkennung gilt ihm, dem Kollegen, der in seinem hohen Alter noch so wichtige Aufgaben erfŸllt.

 

 

 

 

Ich wollt die jŸdische Gemeinde MŸnchen verstehen. Rabbiner Levinger ist jetzt im Alter von 80 Jahren (120 wie 20) der dritte Rabbiner, der aus Basel nach MŸnchen ins Rabbineramt berufen wurde. Vor 100-150 Jahren war das umgekehrt. Neben Kšngisburg und Berlin schaute die jŸdische Welt auf MŸnchen als geistliches Zentrum der jŸdischen Kultur, insbesondere was die jŸdische Musik betrifft. Eine der berŸhmtesten Sammlungen von jŸdisch-liturgischer Musiktradition, die jetzt in Amerika, in Cincinnati, in der Birnbaum Collection zu finden ist, stammt aus Kšnigsburg. Tausende von uralten Noten bezeugen die Entwicklung der jŸdischen Musik von MŸnchen.

 

Dem gegenŸber steht Basel zwischen der elsŠssischen und der deutschen Musiktradition. Auch die religišse Ausrichtung von Basel war dem entsprechend ein Weg zwischen elsŠsser und deutscher Tradition. Wobei die deutsche religišse Tradition auch eine sehr gespaltene Tradition ist. Es gibt in Deutschland sehr liberale und sehr orthodoxe Richtungen.

 

Die fršmmsten Juden der Welt waren in der frŸheren Zeit die ãJeckesÒ, die Nachfolger von Samson Raphael Hirsch, sowie die Absolventen des Berliner Rabbinerseminars Hildesheimer. Und die liberalsten Juden stammen auch aus den Reihen der ãJeckesÒ, der deutschen Juden. In Hamburg begann der berŸhmte Tempelstreit und selbst die liberale Bewegung geht von dort aus.

 

Heute sind beide Gemeinden von orthodoxer Leitung geprŠgt, aber es ist zu bemerken, dass es dort keine richtige orthodoxe Mitgliederschaft gibt. Nur einzelne Personen halten Schabatt und Kaschrut ein. Die MŸnchner Gemeinde ist von der Orthodoxie von Rabbiner Levinger geprŠgt, was eine traditionelle orthodoxe Haltung der israelischen Orthodoxie, den Zionismus und den strengen Glauben beinhaltet.

 

 

 

 

Die Hamburger Orthodoxie ist von Chabad geprŠgt. Eine aufgeschlossene chassidische Haltung gegenŸber Unterschiedlichkeiten der Juden, jedoch ohne richtigen Einbezug in die ReligiositŠt der Gemeinde selbst. Die Hamburger Gemeinde wurde in der Nachkriegszeit von den persischen Juden sowie von sefaradischen Juden aus Holland geprŠgt, beide waren Minderheitsgruppen. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung haben sowohl die Perser wie auch die HollŠnder die Stadt und die jŸdische Gemeinde Hamburg verlassen. Dies wegen der Krise im TeppichgeschŠft und verŠnderten Wirtschaftssituation der europŠischen Union. Dadurch ist die Lebensgrundlage der Gemeinde Hamburg verloren gegangen, weil die Spender wegzogen. Heute ist die jŸdische Gemeinde Hamburg auf staatliche Hilfe angewiesen.

 

Wie immer sind beide Gemeinden heute von den russischen Einwanderern geprŠgt, die eigentlich die Mehrheit der Gemeinde ausmachen, jedoch in den Sachen der Gemeinde wenig Einfluss haben kšnnen. Wohin diese Entwicklungen in beiden Gemeinden fŸhren wird, weiss keiner.

 

Der Vergleich mit unserer Gemeinde war fŸr mich sehr wichtig. Das Rabbinat kann nicht Ÿber den Kšpfen der Gemeindemitglieder regieren. Beide Beispiele bestŠtigten meine bisherige rabbinische Leitung.

 

 

 

 

Das aufgeschlossenes und genaue Zuhšren und das stŠndige BemŸhen fŸr die Einheit der Gemeinde sind die notwendigsten Bestandteile der Arbeit des heutigen Rabbiners. Ich muss damit leben, dass meine Politik und meine Entscheidungen nicht von allen verstanden werden und šfters als Zickzacklauf gewertet werden. Aber es ist der einzige Weg, der eine Einheitsgemeinde weiter existieren lŠsst. Ansonsten zersplittert sich die Gemeinde und die einander missverstehenden Gruppen kšnnen nicht mehr in einer Einheit zusammen bleiben.

 

Ich habe von den Beispielen in MŸnchen und in Hamburg gelernt. Das Ziel bleibt nach wie vor, die MitfŸhlende und empfindsame Einheitsgemeinde, eine Gemeinde mit Herz!